Die jüngsten Störungen, darunter Ausfälle beim KI-Chatbot Claude und unzähligen anderen wichtigen Diensten, verdeutlichen einen besorgniserregenden Trend: Das moderne Internet wird immer fragiler. Der Wandel hin zu zentralisiertem Cloud Computing, gepaart mit zunehmenden Cyberangriffen und geopolitischen Spannungen, führt dazu, dass weit verbreitete Ausfälle immer häufiger auftreten. Um zu verstehen, warum dies geschieht, muss man über einzelne Vorfälle hinausblicken und systemische Schwachstellen erkennen.
Das Cloud-Abhängigkeitsproblem
Das Kernthema ist die Konsolidierung. In den 1990er Jahren betrieben Unternehmen ihre eigene digitale Infrastruktur und begrenzten so den Explosionsradius von Ausfällen. Heutzutage verlassen sich die meisten auf eine Handvoll großer Cloud-Anbieter – Amazon, Microsoft, Google –, die sich im Wesentlichen ein einziges, miteinander verbundenes System teilen. Das ist so, als würde man jedes Geschäft in einer Stadt an das gleiche Stromnetz und die gleiche Abwasserleitung anschließen. Ein Fehler irgendwo betrifft jeden.
Zufällige und böswillige Störungen
Ausfälle sind sowohl auf menschliches Versagen als auch auf vorsätzliche Angriffe zurückzuführen. Ein Vorfall im Jahr 2024, bei dem ein falsch konfiguriertes Update eines Cybersicherheitsunternehmens Millionen von Windows-Computern lahmlegte, zeigt, wie leicht es zu versehentlichen Ausfällen kommen kann. Obwohl Ransomware-Gruppen im Allgemeinen direkte Konflikte mit großen Technologieunternehmen vermeiden, zielen sie zunehmend auf kleinere Regierungen und Infrastrukturen ab. Angriffe auf britische Kommunen, den NHS und Wasserversorger zeigen diesen Trend.
Cyberkrieg und Grauzonenkonflikt
Auch nationalstaatliche Akteure sind beteiligt, ihre Methoden unterscheiden sich jedoch. Russland und China konzentrieren sich nicht auf völlige Zerstörung, sondern betreiben gezielte Cyberspionage, wie zum Beispiel den Hack von E-Mail-Konten der US-Regierung im Jahr 2023. Dies steht im Einklang mit einer umfassenderen Strategie von „Grauzonen“-Konflikten, bei denen Staaten die Wirtschaft stören, ohne einen umfassenden Krieg auszulösen. Sarah Kreps von der Cornell University weist darauf hin, dass eine lähmende digitale Infrastruktur die wirtschaftliche Macht eines Gegners untergraben kann.
Das ungleiche Spielfeld
Westliche Nationen agieren aufgrund ihrer rechtlichen Beschränkungen vorsichtiger als manche Gegner. Tim Stevens vom King’s College London stellt fest, dass Geheimdienste von diesen Einschränkungen frustriert sind, selbst wenn sie Cyberoperationen gegen feindliche Akteure durchführen. Das Ergebnis ist ein asymmetrischer Vorteil für diejenigen, die bereit sind, internationale Normen zu missachten.
Die verlorene Schlacht?
Experten vermuten, dass die Verteidigung ins Hintertreffen gerät. Ein Sicherheitsexperte gibt zu, dass sich das „Katz-und-Maus-Spiel“ zwischen Hackern und Sicherheitsexperten zugunsten der Angreifer entwickelt. Dabei geht es nicht nur um technisches Können, sondern auch um Anreize. Für Ransomware-Gruppen und staatlich geförderte Akteure überwiegen die Vorteile einer Störung die Risiken.
Der nun behobene Claude-Ausfall ist ein Symptom eines größeren systemischen Problems. Die Reaktion von Anthropic – die Skalierung der Infrastruktur, um der Nachfrage gerecht zu werden – ist eine vorübergehende Lösung, keine langfristige Lösung. Die Instabilität des Internets ist ein wachsendes Problem, und bis grundlegende Schwachstellen behoben sind, wird es weiterhin zu Ausfällen kommen.


















