Ann Leckie hat sich als Titanin der modernen Science-Fiction fest etabliert. Seit ihr Debütroman „Ancillary Justice“ im Jahr 2013 die Literaturpreisverleihung gewann, liefert sie stets anspruchsvolle Erzählungen, die die Wahrnehmung der Leser von Identität, Imperium und Bewusstsein in Frage stellen. Während ihre erste Trilogie (Ancillary Justice, Ancillary Sword, Ancillary Mercy ) die Messlatte hoch legte, hat Leckie ihr Universum seitdem um eigenständige Romane erweitert. Ihre neueste Veröffentlichung, Radiant Star, setzt diese Erkundung des Imperial Radch fort und bietet einen deutlichen Wechsel in Ton und Setting, der treue Fans belohnt und Neulinge vor Herausforderungen stellt.
Eine Welt ohne Sonne
Die erzählerische Prämisse von Radiant Star ist sowohl streng als auch genial. Die Geschichte spielt auf dem Planeten Aaa, einer Welt, die auf tragische Weise ihren Stern verloren hat. Ohne Sonnenlicht und Oberflächenbewohnbarkeit lebt die gesamte Bevölkerung unter der Erde in einer einzigen, weitläufigen Stadt namens Ooioiaa.
Diese unterirdische Existenz hat eine Gesellschaft geprägt, die zutiefst isoliert, politisch unruhig und kulturell einzigartig ist. Im Mittelpunkt der Stadt steht der zeitliche Standort des strahlenden Sterns, eine geheimnisvolle religiöse Stätte, die zahlreiche „Heilige“ beherbergt – Wesenheiten, deren wahre Natur, ob lebend oder nur konservierte Leichen, unklar bleibt. Außerhalb dieses spirituellen Zentrums ist das Leben in Ooioiaa durch intensive politische Manöver und eine besondere gesellschaftliche Abhängigkeit von Zwiebeln geprägt, ein Detail, das für den Verlauf der Handlung von Bedeutung ist.
Der Radch kommt
Der auslösende Vorfall ereignet sich, als die Radchaii, die herrschende Klasse des riesigen kaiserlichen Radch-Reiches, beschließen, Aaa zu annektieren. Ein empfindungsfähiges Raumschiff, Die Gerechtigkeit von Alba, taucht aus dem „Torraum“ auf, um die Übernahme anzukündigen. An Bord ist Gouverneur Charak Svo, dessen Aufgabe es ist, den Planeten mithilfe der versklavten menschlichen Körper des Schiffes zu verwalten.
Für Gouverneur Svo verschlechtert sich die Situation schnell. Während die politischen Spannungen in Ooioiaa eskalieren, wird der Planet faktisch vom Rest der Galaxie abgeschnitten. Die Erzählung folgt dem darauffolgenden Chaos, während das Radch-Reich vor einer inneren Implosion steht und eine Hungersnot die isolierte Stadt heimsucht, was die Widerstandsfähigkeit sowohl der Kolonisatoren als auch der Kolonisierten auf die Probe stellt.
Kritische Bewertung: Stärken und Grenzen
Leckies Handwerkskunst bleibt unbestreitbar. Ihr Weltaufbau ist akribisch und ihre Fähigkeit, überzeugende Charaktere mit Sparsamkeit und Präzision zu skizzieren, ist ein Markenzeichen ihres Stils. Die Prosa ist witzig, selbstbewusst und die Dialoge wirken frisch und authentisch. Die dramatischen Herausforderungen – der Zusammenbruch des Imperiums mit dem Überleben vor Ort – wirken im gesamten Roman glaubwürdig.
Allerdings unterscheidet sich Radiant Star deutlich von Leckies umfangreicheren Werken.
- Klaustrophobischer Umfang: Ein Großteil der Handlung findet innerhalb der Grenzen von Ooioiaa statt, was zu einem Gefühl von Klaustrophobie führt.
- Politische Intrige: Die Handlung basiert stark auf Treffen und Verhandlungen zwischen verfeindeten Fraktionen. Obwohl diese Gruppen sehr detailliert sind, fehlt ihnen das unmittelbare Charisma früherer Charaktere, wie beispielsweise der Presger-Aliens in Translation State.
- Charakterfokus: Einige Leser finden das Ensemble der Einheimischen möglicherweise weniger spannend als das fühlende Schiff oder einzelne Protagonisten in früheren Büchern. Die Erzählung lenkt ihre Aufmerksamkeit auf viele „weniger liebenswerte“ Eingeborene, was die emotionale Investition verwässern kann.
Das Urteil: Dies ist ein ruhigeres, introspektiveres Buch in Leckies Bibliographie. Es eignet sich am besten für etablierte Fans des Imperial Radch-Universums, die komplexe politische Soziologie und sprachliche Nuancen zu schätzen wissen. Für Neuankömmlinge könnte die dichte innere Dynamik von Ooioiaa ohne den breiteren Kontext der Geschichte des Imperiums eine Herausforderung darstellen.
Fazit
Radiant Star glänzt vielleicht nicht so hell wie Leckies preisgekrönte Trilogie, aber es ist eine würdige und durchdachte Ergänzung zu ihrem Gesamtwerk. Es zeigt ihre Fähigkeit, den menschlichen (und nichtmenschlichen) Zustand selbst in den dunkelsten, isoliertesten Ecken ihres Universums zu erforschen.
Außerdem empfohlen:
Für Leser, die diesen Monat eine weitere Science-Fiction-Veröffentlichung suchen: Martha Wells setzt die Abenteuer des beliebten Android-Detektivs in Platform Decay fort. Der Roman behält den scharfen Humor und die introspektive Tiefe bei, die die Murderbot Diaries zu einem modernen Klassiker gemacht haben, der für viele Leser durch die Stimme von Alexander Skarsgård in der Apple TV+-Adaption noch verstärkt wird.


















